Zeit zu schießen

Время стрелять

ulia Braschnikowa 29.07.2015                             Übersetzt aus dem russischen: Thomas

Захарченко 1

Bis die Politiker auf den Wegen der Deeskalation im Krieg auf dem Donbass wandeln, stellen sich die extrem gequälten Bewohner wieder einmal die Frage – bis zu welchem Moment wird der Beschuss noch dauern und wie viele Menschen werden noch umkommen müssen, bevor ein stabiler Frieden zustande kommt?

Es ist, wie auch immer möglich, diesen Menschen zu beweisen, dass Putin Noworossija nicht anschließen konnte, für dessen Verteidiger er Kerzen aufstellte. Man kann lange über die nicht enden wollenden humanitären Konvois und über die geheimnisvollen „Männchen“ erzählen, die den Donezker Flughafen in wenigen Stunden und Debalzewo – in einigen wenigen Tage säuberten. Man kann an die 16-stündigen Verhandlungen mit dem Verräter und Mörder Poroschenko erinnern, dem der russische Präsident mit deutlich sichtbarer Abneigung die Hand, wieder für die Bewohner Noworossijas, drückte.

Aber wenn das nächste Geschoss in der Mitte der Stadt einschlägt und tötet alle die, die sich ganz zufällig nebenan befinden, dann gehen einem die logischen Argumente verloren und es bleiben nur die Emotionen. Die Menschen hören die Überlegungen gar nicht, weil der Verstand in einer anderen intellektuellen Ebene gelegen ist. Und auf dem physischen Niveau fürchten die Bewohner, dass sie getötet werden können. Und es ist auch nicht notwendig, sie von etwas zu überzeugen oder ihnen gut zuzureden. Sie wollen nur, dass Stille eintritt.

Das Gefühl der Angst ist jener Hebel, den jeder x-beliebige Tyrann in allererster Linie benutzt. Die erschrockene Menge kann man auf irgendjemanden hetzen und ihr beliebige „Wahrheiten“ einflössen. Die Todesangst wird den Schuldigen leicht finden, man braucht einfach nur auf ihn zu zeigen: Surkow, Sachartschenko, Plotnizki, Putin, Lawrow. Es ist vergeblich zu sagen, dass es nicht Lawrow war, der auf die Städte schießt und dass nicht Sachartschenko die verbrecherischen Befehle gibt. Wenn die Bevölkerung im Zustand der Panik ist wird sie den wahrhaftigen Mörder einfach nicht sehen.

Andererseits ist der Wert eines Menschenlebens nahezu unvergleichlich. Es kann weder durch die Diplomatie, noch durch Versprechen noch durch Hilfssendungen ersetzt werden.

Deshalb ist die Position der Partei des Krieges, die ihre Fühler im ganzen Donbass ausstreckt, tatsächlich gewinnsicher. Die Anhänger des Militarismus werden immer etwas finden, auf das sie von der von Panik erfassten Bevölkerung direkt gestoßen werden. Die Menschen sind zu allem bereit, wenn nur die sie mit Geschossen übergießenden Angehörigen des Strafkommandos aus ihrer Reichweite entfernt werden. Und wenn man ihnen sagt, dass der einzige Weg eine Komplettreinigung der Ukraine bis nach Kiew ist, dann glauben sie das. Und wenn man ihnen einflösst, dass der, der diesen Weg meidet, ein Verräter ist, dann glauben sie das auch. Und sie werden jeden beliebigen Grund nachprüfen, der diesen Verrat erklärt, wie absurd er auch klingen mag.

Die USK beschießen die Städte der LDVR nicht nur mit dem Ziel, die Streitkräfte Noworossijas zu einem Antwortschlag zu provozieren, sondern auch, um die Bevölkerung im Zustand des ständigen gesteuerten Schreckens zu halten. Bei der Angst sind bekanntlich die Augen groß. Die unkontrollierten Gerüchte über die Differenzen in der Führung der Republiken sollen Aufstände und Meutereien provozieren. Es wird fast jeder Beschuss wie ein neuer Angriffsbeginn gewertet. Die Worte Putins, Lawrows, Sachartschenkos werden auf verschiedene Tonarten hin gedeutet, die sich alle weiter und weiter vom ursprünglichen Sinn der Aussprüche entfernen.

Dabei bemühen sich die Radikal-Patrioten nicht zu bemerken, dass Putin sowohl in Russland, wie auch in den Republiken eine wahrhaft titanische Aufgabe gelöst hat – er hat die USA bis in den Zustand der Verhandlungsbereitschaft geführt. Weil es vergeblich war, die ukrainische Frage im Rahmen der Ukraine zu entscheiden, musste man es auf den russisch-amerikanischen Platz übertragen.

Die russische Partei des Krieges, die den Donbass im Wesentlichen durchdrungen hat, beschäftigt sich nur damit, dass das Volk zur Unzufriedenheit mit der neuen Macht provoziert wird und bevorzugt es, alles das nicht zu sehen, was nicht in die Konzeption „Putin schließt an“ hineinpasst:

– Wenn nach dem Besuch in Sotschi Kerry die Hauptpunkte des Geschäftes mit der Ukraine im Format Russische Föderation – USA abgehandelt wurden und beide Seiten das Tandem Karassin – Nuland eingerichtet hatten, haben die ukrainischen Nationalisten es als eindeutigen Anschluß der Autonomiegebiete verstanden. Und unsere „Patrioten“? Die haben es bevorzugt, stillzuschweigen;

– Als Nuland während ihres letzten Besuches erklärte, dass man die Verfassung umschreiben muss, war Kiew im Schockzustand und Jarosch hat mit seinen Genossen sofort den nächsten Umsturz auf die Tagesordnung gesetzt. Jedoch die militanten Diwan – Analytiker, geführt von Girkin und seinen Anhängern, setzten fort, über den Misserfolg des Projektes „Noworossija“ zu greinen;

– Wenn der ewig betrunkene Poroschenko in einer kurzen Periode des Wachseins die Verfassung korrigiert hat (immerhin korrigiert hat , die Qualität ist schon eine andere Frage), haben sowohl die ukrainischen wie die russischen Nationalisten vom Verrat an der Heimat geschrieen, was sich richtig geheimnisvoll anhört, da ihre Positionen eigentlich entgegengesetzt sein sollten;

– Wenn Sachartschenko, Plotnizki, Dejnego, Puschilin bis zur Heiserkeit ihren erschrockenen und nicht mehr denken könnenden Bürgern erklären, dass die ukrainische Armee den Beschuss der Städte speziell deshalb führt, um die Landwehr zu einem Antwortschlag zu provozieren und sie dann mit der Hilfe der blind und taubstummen OSZE – Beobachter der Vereitelung von Minsk-2 zu beschuldigen, da haben diese Zimmerraufbolde, ohne auf die Argumente der Vernunft zu hören, nichts anderes zu tun, als lauthals schreiend von der Entstellung der ursprünglichen Kriegsziele auf dem Donbass zu lamentieren.

Man kann die unglückseligen Zivilisten verstehen, die einfach nicht in der Verfassung sind, noch etwas anderes zu unterscheiden, außer den Momenten der Schießerei und der Stille. Aber warum sehen die Leute solche einfachen Sachen nicht, wie die Politiker, die Journalisten, die Blogger, die niemand (nicht mal ansatzweise) beschießt und die sogar verpflichtet sind, objektiv zu sein?

Und, eine Sekunde, es war niemals das ursprüngliche Ziel des Aufstand vom Donbass den Krieg gegen die Ukraine zu führen und die Reinigung ihres ganzen Territoriums, einschließlich Lwow und Iwano-Frankowsk vorzunehmen. Donezk und Lugansk wollten einfach, dass sie in Ruhe gelassen werden und haben sich erlaubt, russisch sprechen zu wollen.

In welcher Etappe der Auseinandersetzung kam es zu dieser feinen Auswechselung der Begriffe, vollkommen im Geiste unserer «westlichen Kollegen»? Ja, wahrscheinlich irgendwann in jener Periode, als das Verständnis gereift war, dass man die Kraft der Russen niemals besiegen würde und das auch besser nie geschehen wird. Und um ihnen das Hinaustragen ihres Gehirns weiter zu ermöglichen und ihren Geist von innen zu sprengen, ist das ist eine vollkommen reale Aufgabe.

Der Gerechtigkeit halber muß man erwähnen, dass sich solch einseitiges informatives Bild nicht einfach so bildet. Die LDVR benachrichtigen uns von den Handlungen des Gegners regelmäßig aber schweigen über die eigenen standhaft. Wir sehen im Medienraum nur die Aktivität der Angehörigen des Strafkommandos. Und das sehen nicht nur wir – das passive Europa und das aggressiv Amerika sehen das auch. Und dabei verkünden die friedliebenden Landwehrmänner beharrlich und ständig, den einseitigen Abzug der Technik. Glauben Sie das?

Eine besonders begabte Geschichte ist die folgende: Es wird, um anschaulicher zu wirken, ein Bild hochgehalten, auf dem eingezeichnet ist, wer die Punkte der Minsker Abkommen in Wirklichkeit nicht beachtet.

Die Militaristen der Russischen Föderation und der LDVR wünschen nicht zu verstehen, dass sich die Endphase der Ukraine fein, elegant und ohne blutige Revolutionen verwirklichen soll, der Galgen und der abgeschnittenen Kopf haben ihre Popularität sogar bei ISIL verloren. Die Vereinigten Staaten sollen aus dem ihnen durchkreuzten Projekt „Ukraine“ mit der Erhaltung des äußeren Scheins hinausgehen. Das war eine der Schlüsselbedingungen des Geschäftes zwischen Putin und Amerika.

Die Anmerkung: im Falle Poroschenko handelt es sich schon nicht mehr um Gesicht wahren, aber um das Bewahren seines Kopfes, wenn möglich an der angestammten Stelle.

Wer denkt, dass Putin in der ukrainischen Frage auf Zurufe reagieren und dann deswegen chaotisch handeln würde, der sieht das offensichtliche nicht. Die russische Taktik zur Deeskalation des Konfliktes auf dem Donbass ist sehr pragmatisch und konsequent:

– Die erste Etappe – den Einmarsch stoppen.

– Die zweite Etappe – den Beschuss einstellen.

– Die dritte Etappe – den Beschuss so einstellen, dass man ihn nicht erneuern kann.

– Die vierte Etappe – den Krieg anhalten.

– Die fünfte Etappe – den Krieg so anhalten, dass man ihn nicht erneuern kann.

– Die sechste Etappe – die Gründe beseitigen, die zum Krieg geführt haben.

Nur der echt Missgünstige wird behaupten, dass er die unentwegte Ausführung dieser Forderungen nicht bemerkt.

Eine spezielle Frage betrifft das vielseitige und ziemlich harte Spiel mit Herrn Poroschenko.

Jetzt braucht Russland den ukrainischen Präsidenten noch, der auf die Minsker Abkommen nicht verzichten wird. Bitte beachten Sie – «der nicht verzichten wird“, und nicht „der erfüllt». Den Präsidenten, der die Minsker Abkommen erfüllt, kann es jetzt in der Ukraine einfach vom Prinzip her noch nicht geben, er ist von der Situation noch nicht gezüchtet worden. Es ist ein Herrscher nötig, mit dem die Tatsache der Verhandlungen zwischen Kiew und Noworossija möglich ist. Gerade die Tatsache, und nicht das Ergebnis. Ergebniswirksame Verhandlungen in der jetzigen politischen Situation können noch gar nicht sein.

Welche Bemühungen Wladimir Wladimirowitsch hatte, um den Schokoladenhasen bis zum aktuellen Stadium zu bearbeiten – weiß natürlich nur er. Die „Putinschließtanfans“ muss man nicht nur an Minsk-2 und den Eimer Kaffee erinnern, sondern auch an das im Moment vergessene Minsk-1, aus dem Poroschenko mit gebrochenem Rückgrat herausgekrochen kam.

Den mit allen Wassern gewaschenen Geschäftsmann zu zwingen, seinen Kopf gegen den Wirt durchzusetzen, ist eine diplomatische Technik am Rande der Phantastik. Die radikalen Militaristen bevorzugen allerdings, sich nicht daran zu erinnern, dass das Statedepartment, wie in einem schrecklichen Traum, mit nichts gerechnet hatte. Nicht mit irgendwelchen Minsks, besonders im Plural, nicht damit, dass der Krieg daraufhin gestoppt sein wird, nicht daran, dass sich die Vertreter der befeindenden Seiten zu Verhandlungen an einen Tisch setzen werden. Washington hatte sogar in seinem Wahnalpdruck nicht gesehen, dass sich in der LDVR das friedliche Leben wieder allmählich einrichten würde und Europa in der ukrainischen Frage sich mit Putin zu einer Partei verbinden würde. Das alles wurde Realität, aber sie wollen es nicht bemerken.

Im Computermärchen von Star Wars und The Game of Thrones, wo Kampfteletubbies handeln, kann der Ausweg aus der Donbass – Krise nur ein zerstörtes Kiew sein. Im gegenwärtigen Leben wird die Ukraine solange auf den Donbass schießen, wie die beiden Seiten ihre Beziehungen noch nicht per Gesetz geregelt haben, weil eben die DVR und die LVR rebellische Neubildungen auf dem Territorium sind, dass sich in der Jurisdiktion Kiews befindet. Und es gestattet der Junta, zu versuchen, „die Separatisten“ zu zerstören. Dieses Recht liquidieren kann man nur, wenn man den Status der Republiken in die Kiewer Gesetzgebung einbringt. Übrigens darf man nicht vergessen, dass Wladimir Putin von der Bildung her Jurist ist und die gesetzliche Ausgliederung des Donbass offenbar bevorzugen wird.

Was wird später? Der Weg für die Autonomen Territorien ist nur einer.

Der Prozess der Rückführung der verlorenen Ukraine in den Schoß Russlands wird sicher auf gleicher Stufe wie der Beitritt der Krim in die Geschichte eingehen. Nach den letzten Ereignissen, der Pflaumenernte, sind die transatlantischen Wirte im Schlussstadium angekommen. Wir sind die Zeugen des abschließenden Kapitels des Drehbuches mit der Nötigung des Gegners zur Aufgabe seiner Positionen und seinem Hinauswurf aus den kontrollierten Territorien.

Ja, Putin gewährt allen das Recht der Auswahl, er sagt: Entscheiden Sie selbst. Der spielentscheidende Chip besteht darin, dass er weiß, welches Endergebnis es geben wird. Im Falle der Ukraine und jeder anderen Republik der UdSSR wird das Ergebnis aller Qualen und des Umherwanderns die Rückführung unter das Dach unseres gemeinsamen Hauses sein.

Je früher das die Führer und die Gesellschaft verstehen, desto schneller wird die Zeit der Schießerei enden und die Zeit des Abschiednehmens von den Waffen beginnen.

Invictus maneo!

Voicedonbass:
Viele Wege führen zum Ziel. Ziel: Leben im Frieden, im relativem Wohlstand, nicht 6Fuß unter der Erde liegend. Lösungsweg1: Erreichbar durch Einsatz von weiteren tausenden Toten der neurussichen Armee im Kampf. Lösungsweg2:  Erreichbar durch neues Referendum. Ziel: Putin die völkertrechtlich einwandfreie Möglichkeit des ABSOLUTEM Eingreifens im Donbass zu geben. Theorie? Nein ! Siehe KRIM.

Zeit, dass so manche Donbass-Chefs den Kopf nicht nur zum Haareschneiden benutzen…!

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2 Antworten zu Zeit zu schießen

  1. MURAT O. schreibt:

    Hat dies auf D – MARK 2.0 rebloggt.

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  2. Königsberg/Pr. schreibt:

    Hat dies auf deutsch769 rebloggt.

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